Educamp 2010 – die leise Bildungsrevolution

Das Educamp liegt nun 24h zurück und viele Follow-Up-Berichte wachsen gerade organisch in der höchst gesunden Blogkultur des Cyberspace. Für mich war es das erste Educamp, aber nicht die erste Veranstaltung dieser Art.

Ich kam mit eher gemischten Erwartungen nach Hamburg: Was würde die Community dort wohl antreiben? Welche Dinge sind der Community wichtig? Wo würde es Auseinandersetzung geben? Wo ein Gefühl der Verbundenheit und Gemeinsamkeit? Würde es wohl neue Erkenntnisse geben? Würde ich etwas hinzulernen?

Das Educamp hat seinen Charakter der Unconference voll ausgespielt. Meine Fragen hätte mir niemand vorher beantworten können, denn was dort passiert ist im vorhinein nicht bestimmbar. Der Besuch war also obligatorisch und der beste Weg es herauszufinden. Denn: Jedes Educamp ist völlig anders, da das Educamp in erster linie die Teilnehmer sind, die es gestalten. Je aktiver diese sich einbringen, je diskussionsfreudiger sie zu Werke gehen, umso besser wirds. Einmal mehr gilt vor allem ein Motto: „Wenn Du möchtest dass sich etwas verändert, dann tu es selbst.“ Das Educamp, dass man sich wünscht kann man bekommen, wenn man selbst daran mitgestaltet.


Foto: Vortrag zu „Heuschreckenbasierter Bildungsrevolution“

Revolution oder Evolution?
Der Gestaltungswille und die leidenschaftliche Energie der Teilnehmer, die immer wieder vor allem in Diskussionen sichtbar wurde, zeichnet dieses Format aus. Der starke Wunsch aller Teilnehmer dem „verkrusteten System“ irgendwie eine Änderung beizubringen war in fast jeder Session spürbar. Auseinander gingen die Meinungen jedoch, ob eher Evolution oder doch besser Revolution angebracht sind. Während die einen, die das Bildungssystem aus langjähriger Erfahrung kennen und gestalten (z.B. ein Rolf Schulmeister) eher mit leisen und wenigen Worten für evolutionäre Veränderungen eintraten, wurde von den anderen, die das Bildungssystem aus langjähriger Erfahrung kennen und gestalten (z.B. einer Lisa Rosa) eher mit lauten und vielen Worten für Revolution plädiert.

Beide Standpunkte werden jedoch – scheinbar ohne es zu merken – von den Fakten der Realität mehr als eingeholt, wenn nicht gar überholt. Die Session „Heuschreckenbasierte Bildungsrevolution“ zeigte mehr als eindrucksvoll auf, dass die Veränderung von völlig anderer Seite bereits in vollem Gange ist. Veränderung findet statt, nur weichen die Inhalte dieser Veränderung deutlich ab von dem, für das beide (Evoluzzer & Revoluzzer) auf dem Camp eintraten. Die Revolution kommt aus den Vereinigten Staaten und lautet „Charter Schools“.

Schulen werden dort die neuen Wertanlagen und Investments nach den Immobilien, die natürlich auch monetäre Gewinne erzielen sollen. Zitat von der Webseite des Anbieters Revolution Learning:

Revolution Learning is focused on transforming how people learn worldwide.

Vor allem einige Stiftungen die über viel Geldvermögen verfügen sind hier besonders aktiv. Und es bilden sich ganze Unternehmen für den Schulbetrieb zum Beispiel die National Heritage Academies Aktiengesellschaft mit einem Jahresumsatz in 2002 in Höhe von $US 120 Mio inklusive öffentlicher Testate, wie denn das Humankapital in Lesen, Rechnen und Sprachen performt hat.

Der Begriff des Humankapitals bekommt hier eine völlig neue Bedeutung. Jahresberichte bzw. Annual Reports wie der der des Education Policy Studies Laboratory (EPSL) mit dem Titel „Cashing in on Kids“ (PDF) klingen tatsächlich nach einem neuen Geschäftsmodell. Die Steuerungsgröße des Return-on-Investment sorgt hier für eine deutlich andere Sicht auf Bildung, Bildungssystem und Bildungserfolg. Bereits der Begriff „Bildung“ an sich wird hier durch eine nahezu unbemerkt stattfindende leise Bildungsrevolution ohne irgendeine Barcamp-Beteiligung umdefiniert. Was diese Umdefinition bedeutet, das wäre ein spannendes Rahmenthema für ein neues Educamp.

Könnte man also behaupten: Teilnehmer des Educamps kreisen eher nur um sich selbst im Revolution-vs.-Evolution-Dissens? Nein! Das kann man nicht, das Educamp hat diesen Trend als erstes aufgedeckt. @cervus hatte den Mut die Session anzubieten und die Teilnehmer kamen. Erst die Session zu diesem Thema, die auf einer klassischen Konferenz als früher Hinweis keine Chance hätte, hat diese Entwicklung auf’s Bildungstableau gebracht.

Das Educamp ist zur Revolution fähig, enthält zugleich aber auch alle Voraussetzungen zur Evolution, und ist ein empfindlicher und sehr vielfältiger Sensor für die internationalen Entwicklungen. Diese große Freiheit – alles gleichzeitig zu erleben – verwirrt (zumindest mich etwas), aber man erlangt eine vollständigere Sicht auf die Dinge.

Euer Bildungsreporter, Helge