Studiengebühren: Der Schlagabtausch

Beim tazlab am Samstag ging’s ab: In der ersten Session, an der ich teilgenommen habe, wurde das Thema Studiengebühren unter dem Titel Privilegien gratis – Wie (un)gerecht ist die  Campus-Maut? diskutiert. Diskutiert? Es war ein heißer Schlagabtausch! Grund genug, ihn hier nochmals aufzugreifen und weiterzuführen. Die Bildungsreporter präsentieren: Christian Füller vs. Anne Grabs. Lasst die Löwen frei!

Christian Füller begins:

Ja zu befristeten Studiengebühren!

Die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ist eine bittere Pille für die Studentenfunktionäre. Jahrelang haben sie der Republik weissmachen wollen, dass die Campusmaut, erstens, den Run auf die Hochschulen abbremsen wird und, zweitens, die Arnbeiterkinder in Scharen aus den Unis treiben wird. So, nun liegt der empirische Beweis dafür vor: Es ist beides falsch.

Erstens steigen die Studentenzahlen und, das ist noch wichtiger, seit 1982 (!) gibt es TROTZ der Einführung von Gebühren ein deutliches Plus bei den Arbeiterkindern.

Klar, die Studiengebühren kann man nicht monokausal mit Bildungsbeteiligungen in Zusammenhang bringen. Es gibt ganz sicher Abschreckungseffekte durch Gebühren, das hat man vielfach nachgewiesen. Aber: Sie halten sich in Grenzen und können den Zug zum Studium offenbar nicht nachhaltig bremsen.

Der Blick in die Sozialerhebung zeigt aber noch etwas anderes: Die Kinder aus der Ober- und der oberen Mittelschicht sind immer noch die Gewinner des Wettlaufs um Studienplätze. Das hat mit Gebühren nichts zu tun, sondern ist ein altes Leid der Republik, das begann, als es noch keine Campusmaut gab. Wer endlich gerechte und faire Chancen für höhere Bildung haben will, muss also folgendes tun: Endlich den Flaschenhals Abitur für Arbeiterkinder öffnen. „It´s the schools, stupid, not the fees!“, würde Bill Clinton zur Frage der Bildungsbeteiligung sagen.

Oder, in Pisaverstehers Worten: Das Bildungssystem ist ein großes Schiff. Oben auf dem Sonnendeck liegt eine wohl ausgewählte und begüterte Schicht von Studis herum. Zu ihr gehören rund 60 Prozent der Studierenden. Um diese lässige Truppe herum wuseln ein paar Asta-Fritzen mit Transparenten und fordern: Cocktails Gratis! Mehr Sonnencreme for free! Man will uns das Recht auf Sonnendeck (Bildung) wegnehmen. Die Lazy-Boys-and-Girls juckt das Geplärre nicht – aber sie finden´s ganz nützlich, dass ein paar Idioten mit ehrenwerten Argumenten für ihre billigen Drinks kämpfen.

Derweil schuften unten im Maschinenraum des Traumschiffs Haupt- und Sonderschüler sowie arme Tröpfe aus dem Übergangssystem, das sie eigentlich nach oben bringen soll. Wenn einer der ölverschmierten Alis und Kevins aber mal nach oben will, dann hält einer der Asta-Fritzen die Tür zu: „Halt“, sagt er, „wir dürfen eine Ungerechtigkeit nicht gegen die andere ausspielen.“ Erst Studiengebühren abschaffen, dann Schulsystem ändern!

Was sagst du dazu, Annellchen?

Anne Grabs‘ Retourkutsche:

Richtig, die Kinder aus bildungsnahen Schichten profitieren von geringen bzw. keinen Studiengebühren und das ist unfair, denn deren Eltern könnten es sich locker leisten Geld in die Bildung ihrer Kinder zu pumpen. Aber mal ehrlich, das tun sie doch auch, dafür gibt es doch Elite-Universitäten und Business Schools. Die Oberschicht geht doch nicht an eine normale Universität! Wie das Sonnendeck eines oberen, mittleren oder unteren Mittelschichtstudenten aussieht, können wir uns vielleicht anhand der Lebenshaltungskosten in den deutschen Großstädten wie Köln, München, Berlin ausmalen. Da kommen minimum 600 – 700 EUR pro Monat zusammen. Bildungsdekadenz? Die allgegenwärtige Frage eines Studierenden bleibt „ob es sich rechnet“ – seine Investition in Zeit und Geld.

Kommen wir zu den „Arbeiterkindern“ – ein Begriff der doch (Bildungs-)Entmündigung impliziert. Bildungsferne Schichten werden durch das Bildungssystem reproduziert. Das fängt im Kindergarten, in der Grundschule, bei Empfehlungen für die Sekundarstufe I, später II an. Grundlegend ist dabei der Habitus, den diese Kinder von ihren Eltern vermittelt bekommen und ob sie mit diesem später im Schulsystem der sozialen Auslese reüssieren können. Selbst wenn sie sich den Habitus der „Elite“ mühevoll aneignen, sind sie den Beurteilungsfehlern von LehrerInnen (Halo-Effekt) ausgesetzt. Einem Kind aus einer Arbeiterfamilie wird in der Regel nicht zugetraut, dass er in höheren Schulen Erfolg haben wird. Letztlich trauen sich diese Kinder den Erfolg durch eine zu geringe Selbstwirksamkeitserwartung selbst auch nicht zu, bewerten sehr gute Noten als Zufall und landen schließlich auf einer Hauptschule. Studiengebühren sind eine „gefühlte Hürde“. Noch viel mehr sind sie DAS Killerargument der Eltern („Geh lieber nicht studieren, das kostet uns nur Geld“). Dieses Argument wird dem eigentlichen Problem, des zu geringen Vertrauens in das eigene Können und Wissen, vorangestellt.
Der Staat, wenn er sich doch Bildung auf die Fahnen schreibt, ist dazu verpflichtet diesen Menschen (kostenlose) Bildung zur Verfügung zu stellen. Denn für diese Kinder und Jugendlichen ist das Scheitern an der Normalbiografie (auch wenn es diese heute kaum mehr gibt) vorprogrammiert. Gleichzeitig müssen soziale Selektionseffekte in Bildungsinsitutionen thematisiert und kritisiert werden. Warum erheben wir eigentlich kein „affektives PISA“ und betrachten die soziale Kompetenz, die soft skills der SchülerInnen, sondern immer nur ein kognitives PISA? „Um zu wissen, was dabei rum kommt“ – es dreht sich immer um die Frage der Verwertbarkeit von Wissen, der Verwertbarkeit von Bildung. So kommen wir zur Frage der Ökonomisierung von Bildung, die wir meines Erachtens zu wenig auf dem Panel besprochen haben. „Wie wäre es gebildet zu sein?“  – diese Frage gilt es sich vorab zu stellen und dank Peter Bieri wissen wir schon die Antwort. In seiner Festrede unter dem gleichnamigen Titel nennt er die wichtigsten Parameter, die Bildung im eigentlichen Sinne ausmachen und schafft damit ein wunderbare Abgrenzung zu Erziehung, Qualifizierung und Bildung. Er beschreibt: Bildung als Weltorientierung, als Aufklärung, als historisches Bewusstsein, als Artikuliertheit, als Selbsterkenntnis, als Selbstbestimmung, als moralische Sensibilität, als poetische Erfahrung und Leidenschaftliche Bildung. Jeder, der diesen Text liest UND gebildet ist, wird ihn uneingeschränkt unterschreiben. Was für eine Anmaßung ist es also, wenn wir Bildung nur bestimmten Schichten und Klassen zu Gute kommen lassen?
Hinzu kommt, dass sich durch die Ökonomierung von Bildung – das Verwertbarkeitsparadigma von Bildung – die Universitäten nur noch als intellektuelle Controllingagenturen etablieren. Wissenschaft und Forschung geschehen im öffentlichen Interesse. Die Freiheit der Wissenschaft, Forschung und Lehre ist gemäß Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes (GG) als Grundrecht geschützt. Bologna hat nun dazu geführt, dass Universitäten nicht mehr als Forschungseinrichtungen, sondern als Qualifizierungsapparat für die Wirtschaft fungieren. „Die zwei Hauptmechanismen, über die das in den Universitäten vorhandene und entwickelte Wissen direkt in die Wirtschaft fließen kann, sind das Lizensieren von intellektuellem Eigentum der Universitäten…“ – so die Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2003 in Brüssel. Wenn dem so ist, warum zahlen dann nicht die Unternehmen für die Wissensproduktion (nein Bildung kann das freilich nicht genannt werden)? Ja, warum soll der Staat dafür bezahlen oder warum sollten es die Studierenden tun? Was als Humankapital oder Humanressource in Unternehmen gehandelt wird, soll auch von Unternehmen bezahlt werden. Wenn sich Bildung in diese Richtung bewegt, dann sind Studiengebühren nicht nur für den einzelnen selbst, sondern ebenso nicht für den Staat, gerechtfertigt.

Herr Füller, Ihre Meinung bitte! (In Kleinbuchstaben, aber nicht kleinlaut)

liebe anne,

dein beitrag ist eoloquent wie gewohnt. aber er enthält genau jenes stück an wirklichkeitsverweigerung, das man von studis gewohnt ist. sie wollen einfach nicht zur kenntnis nehmen, wie die soziologie der uni heute aussieht: es sind genau die schönen und reichen, welche die uni ganz überwiegend bevölkern.

du schreibst:

„Aber mal ehrlich, das tun sie doch auch, dafür gibt es doch Elite-Universitäten und Business Schools. Die Oberschicht geht doch nicht an eine normale Universität!“

ja, und genau das ist falsch. sieh dich bitte mal in der neuesten sozialerhebung des studentenwerks um. dort steht auf seite 129 was über die soziale zusammensetzung der studierenden in d:

36 prozent stammen aus der hohen sozialen herkunft, 23 prozent aus der höheren. d.h. fast zwei drittel der studis stammen aus einer elternschaft mit hochschulabschluss, sie sind die kinder der höheren beamtenschaft, von selbständigen und abteilungsleiterInnen etc.

ich meine: das sollte man mal zur kenntnis nehmen.

im vergleich dazu: nur 15 prozent der studenten hat eltern ohne hochschulabschluss, die ungelernt sind, die als facharbeiter oder angestellte mit ausführender tätigkeit sind.

es gibt also viermal so viele studis aus bevorzugten elternhäusern als aus der unteren sozialen herkunftsgruppe. an staatlichen unis (andere gibt es ohnehin kaum.)

also: stopp mit der pflege von vorurteilen! studien lesen! politisch endlich für die entrechteten eintreten – und nicht für die elitäre privilegiengruppe.

Die Diskussion scheint längst nicht abgeschlossen. Also: Steigt ein ins argumentative Studiengebühren-Ping-Pong!

Ring frei für alle!