Füllers Kritik am Interview mit Otto Herz

Die Bildungsreporter wollen nicht „einfach nur“ Interviews führen, sondern selbstverständlich auch zur Diskussion anregen. Bislang wurden die Interviews zwar durchaus wahrgenommen, aber (leider) kaum als Anlass für Diskussionen genutzt (was ja in Blogs durchaus möglich wäre ;-)). Zu einem der letzten Interviews – dem Gespräch mit Otto Herz – aber hat der Journalist und Buchautor Christian Füller äußerst kritische Tweets verfasst. Dies haben wir zum Anlass genommen, ihn um eine kritische Stellungnahme in Form eines Gastbeitrags zu bitten. Hier ist die Antwort von Christian Füller zum Interview mit Otto Herz – verbunden mit der Aufforderung, die unterschiedlichen Positionen zu diskutieren! Was ist eure Meinung?

Schulische Wolkenkuckucksheime

Die Interviewserie zum Bildungsbegriff geht dorthin zurück, wo wir nicht mehr hindürfen: Der abstrakten Erörterung eines Bildungsideals – das in deutschen Schulen nie Wirklichkeit wurde

VON CHRISTIAN FÜLLER

Nein, dieser Sonntag war kein Vergnügen. Über die Accounts des geschätzten Twitter-Professors Christian Spannagel wurde ein Interview mit Otto HERZlich verbreitet, das zu hören eine wirkliche Pein war. Denn das Gespräch des Bildungsreporters hatte nichts mit den Fragen zu tun, die der deutschen Schule heute auf den Nägeln brennen: Undemokratie und organisierte Verantwortungslosigkeit staatlicher Schulen, Bildungsarmut und tief sitzendes Technologiemisstrauen sowie, am wichtigsten, die seelische Krise der deutschen Schule. Dafür durfte Otto, der persönlich ein überaus sypathischer und gewinnender Mann ist, eine gesprochene Version seines ABC der guten Schule predigen. Was ändert es am Schulwesen? Nichts!

Es gibt gute Gründe, nicht als erstes über den Bildungsbegriff zu sprechen und es gibt noch wichtigere Gründe, bitte, Otto nicht danach zu fragen.

Was meine ich?

  1. Diskurse über Bildungsideale sind so alt wie die Deutschen und die Preußen, die sich gern als Kulturnation und Retter des Abendlandes gerierten: Sie huldigten einem so umfassenden ganzheitlichen Bildungsbegriff, dass einem der Kopf vor lauter Utopien schwirrt: Bildung muss den ganzen Menschen erziehen; sie ist zur Persönlichkeitsentwicklung da, soll wissenschaftlich fundiert sein, gerne mit Herz und Hand betrieben werden. Sie soll Urteils-, Berufs- und kritische Denkfähigkeit vermitteln und und und… so lässt sich die Liste der pädagogischen Preziosen von Fichte über Schleiermacher bis Humboldt bis in die heutigen Tage fortsetzen. Allein, was, bitte, hat das elaborierte deutsche Bildungsideal in der Realität genutzt – und wem eigentlich?
    Das lässt sich schnell beantworten: ganz wenig und das nur für ganz wenige. In Preußen kamen ein bis drei Prozent eines Jahrgangs in den Genuss, jene Anstalten besuchen zu dürfen, die sie später in die gesellschaftlichen Führungspersonen schleuderte. Und, nein, das ist keine altbackene Betrachtung, denn die Grundstruktur und -idee des Bildungsunwesens ist seitdem gleich geblieben: Deutschland produziert noch heute, 200 Jahre nach Humboldts Königsberger Schulplan, Quoten an Risikoschülern, die einen an überfüllte preußische Bauernschulen erinnern: Bremen, 39 Prozent Risikoschüler im Gesamtdurchschnitt; Hamburg, Berlin, NRW, Hessen konzentrieren in ihren ehemaligen Hauptschulen bittere Bildungsarmut; auch die stadtinneren Banlieues von Nürnberg und München haben Schulen, die man nicht anders als Fabriken von Dropouts und Bildungsverlierern bezeichnen kann.
    Deutschlands Schulen sind ungerecht und wenig leistungsfähig. Diese Minusbilanz gilt (laut der jüngsten Untersuchung von Wilfried Bos) auch 10 Jahre nach der ersten Pisa Studie – trotz einiger schöner Erfolge, die aber ehrlicherweise vor allem in den gymnasialen Herbergen der Schönen und Reichen erzielt werden.
    Das ist das demokratische Grundproblem der deutschen Schule, und wir lösen es nicht durch eine elitäre bis nichtssagende Begriffsdebatte. Sondern durch einen entschlossenen Kampf gegen Bildungsarmut, zunächst in den rund 3.000 failing schools der Innenstadtbezirke. (Konzepte Link Freitag)
  2. Otto Herz trägt nun wirklich keine Schuld an der Bildungsarmut. Seine Analyse der Situation wird sicher die eine oder andere oben genannte Zahl ebenfalls verwenden. Nur ist die Alternative, die Otto anbietet, inzwischen leider doppelt diskreditiert: Erstens, weil es der Reformpädagogik nicht gelungen ist, eine weitflächige Humanisierung und Verbesserung der Schulen zu erreichen; und zweitens, weil sich die Reformpädagogik nach dem Supergau, den sie auf ihrem Flaggschiff der Odenwaldschule Oberhambach produziert hat, hüten sollte mit der Weitergabe oder gar Lobpreisung von Rezepten. Wohlgemerkt, ich gebe Otto keine persönliche Mitschuld an Hunderten sexuell gedemütigten Kindern und Jugendlichen. Aber ich möchte davor warnen, die reformpädagogischen Tugenden zu bejubeln, mit denen im Odenwald 20 Jahre lang eine trickreiche getarnte Päderastenhochburg betrieben werden konnte.
    Es ist bitter anzuhören, aber wo war denn die von Otto Herz besungene Zivilcourage, als der Schulleiter und Haupttäter Gerold Becker die innerschulische Demokratie der Odenwaldschule ausknipste? Zu den ekelhaftesten Geschichten, die noch zu erzählen sind, gehört jene, was mit den Jugendlichen geschah, die gegen Beckers Päderastie aufbegehrten: Sie wurden von Reformpädagogen eingeschüchtert und relegiert, sie wurden unter Alkohol und Drogen gesetzt, teilweise wurden sie entmündigt. Keine Zivilcourage, nirgends.
    (Das Angebot, die Geschichte der mutigen, vertriebenen Schüler im Rahmen eines Schülerpojektes zu erforschen, wurde seitens der Schule nicht angenommen.)
    Und wie sieht es eigentlich mit der Nähe zum Kind aus, dem zentralen Paradigma, von Ellen Key über Gustav Wyneken bis zu Gerold Becker eifrigst vertreten? Kann man wirklich diese Nähe, die Beziehung und den pädagogischen Eros weiterhin unkritisch predigen als wäre im Odenwald nichts passiert?
    Der Autor ist selbst kein Pädagoge und genauso geschockt wie viele andere über das, was unter dem Deckmantel der Reformpädagogik an Verbrechen alles möglich war. Aber er zieht andere Schlüsse als Otto Herz: Es reicht nicht, die Namen von Hentig, Becker sowie den der Odenwaldschule künftig zu verschweigen – und ansonsten die gleichen alten reformpädagogischen Versatzstücke wie Beziehung, Internatsfamilie oder Ausflug hochzuhalten. Die Reformpädagogik muss auf den Prüfstand. Die vermeintliche Alternative zur seelenlosen Staatsschule hat ihre Unschuld verloren. Sie hat Seelenmord nicht verhindert, wie Ellen Key forderte, sondern ihre prominentesten Vertreter haben Hundertfachen Seelenmord organisiert.
    Das könnten übrigens auch selbsternannte Bildungsreporter wissen – und sich des Instruments der Nachfrage befleißigen, wenn ihnen der liebe Otto von seinen bündisch inspirierten Fahrten berichtet oder, ernsthaft, die reisende Hochschule aus einer vollkommen verwahrlosten Lehrerbildung anbietet. Ottos Begründung, wieso dies nützlich sei, stammt, wie könnte es anders sein, von Goethe: Reisen bildet. Das mag schon sein, nur hilft das nicht wirklich eine Lehrerbildung zu reformieren, die in den kommenden zehn Jahren Ersatz für 300.000 zu pensionierende Lehrer schaffen muss.

Was ist die Antwort? Reformpädagogische Autoren äußern sich in der Regel sehr pauschal und selten konzeptionell gefestigt. Die Reformpädagogik lässt sich nie auf irgendetwas festlegen, weil alles irgendwie ist. Empirischer Überprüfung halten die Ergebnisse der Reformpädagogen nicht leicht stand. „Die Reformpädagogen vertreten keine Konzepte, sondern Ideologie, deren Versprechen sie nicht einlösen können“, schreibt der Kritiker Salman Ansari. Jean-Pol Martin geht in eine ähnliche Richtung: Er verlangt ein klar umrissenes Menschenbild und ein definiertes Konzept für Pädagogik. In etwa so: „Bildung ist das gemeinsame Erstellen von Konzepten, um mit einströmenden Daten gelassen umgehen zu können, wobei es gilt, diese Konzepte flüssig und beweglich zu halten.”

Die (Reform-) Pädagogen müssen also aufhören, schulische Wolkenkuckucksheime aufzustellen.